Companies in Germany Tend to Expect Salaries to Fall Due to the Use of Artificial Intelligence
12.08.2026 · Quelle: Ifo
Viele Unternehmen in Deutschland erwarten, dass künstliche Intelligenz die Gehälter in den kommenden Jahren drückt – aber höchst ungleich. Eine Auswertung des ifo Business Survey zeigt: Als Verlierer gelten weniger erfahrene und geringer qualifizierte Beschäftigte, während gut ausgebildete Fachkräfte mit langer Erfahrung sogar profitieren könnten.
Das ifo Institut hat auf Basis seiner Unternehmensbefragung untersucht, wie Betriebe die Lohnwirkung von künstlicher Intelligenz einschätzen. Das zentrale Ergebnis: Viele Unternehmen in Deutschland gehen davon aus, dass der Einsatz von KI in den nächsten fünf Jahren die Löhne sinken lässt. Diese Erwartung ist jedoch keineswegs gleichmäßig verteilt. Vielmehr unterscheiden die Betriebe stark danach, wie viel Berufserfahrung und welche Qualifikation die jeweiligen Beschäftigten mitbringen.
Am stärksten betroffen sehen die Unternehmen Beschäftigte mit wenig Berufserfahrung. Für Mitarbeitende mit weniger als fünf Jahren Erfahrung erwartet rund die Hälfte der bereits KI-nutzenden Betriebe niedrigere Gehälter. Bei Beschäftigten mit mindestens fünf Jahren Berufserfahrung sinkt dieser Anteil auf etwa 40 Prozent. Die Logik dahinter: Einfachere und standardisierbare Aufgaben, die oft von Berufseinsteigern übernommen werden, lassen sich eher durch KI unterstützen oder ersetzen, wodurch der Marktwert dieser Tätigkeiten aus Unternehmenssicht sinkt.
Noch deutlicher wird das Muster, wenn man die Qualifikation betrachtet. Bei Beschäftigten ohne (technischen) Hochschulabschluss erwarten je nach Branche zwischen 39 und 53 Prozent der Unternehmen Gehaltsrückgänge. Am häufigsten rechnen Dienstleister damit: 53,3 Prozent erwarten bei gering qualifizierten Kräften mit wenig Erfahrung sinkende Gehälter, und 44,2 Prozent bei solchen mit mehr Erfahrung. Es ist der höchste Wert aller Branchen.
Im Handel liegen die entsprechenden Anteile bei 47,9 Prozent (wenig Erfahrung) und 41,3 Prozent (mehr Erfahrung), im Verarbeitenden Gewerbe bei 46,5 und 38,9 Prozent. Am seltensten erwarten Baubetriebe sinkende Löhne – hier sind es 39,0 Prozent bei wenig und 31,3 Prozent bei mehr Berufserfahrung. Dass ausgerechnet der Bau am zurückhaltendsten ist, dürfte daran liegen, dass körperliche und vor Ort gebundene Tätigkeiten derzeit als weniger durch KI ersetzbar gelten.
Ein grundlegend anderes Bild zeigt sich bei Beschäftigten mit Hochschulabschluss. Für diese Gruppe ändert sich die Erwartung eines Gehaltsrückgangs durch KI kaum. Im Gegenteil: Häufiger rechnen die Unternehmen hier mit steigenden Gehältern, insbesondere in Verbindung mit langjähriger Berufserfahrung. Insgesamt erwarten 26 Prozent der Betriebe für akademisch Qualifizierte einen positiven Effekt von KI auf die Gehälter.
Dieser Unterschied zwischen den Qualifikationsgruppen ist markant. Selbst bei akademisch Qualifizierten mit wenig Berufserfahrung erwarten noch 16,3 Prozent der Unternehmen eine Gehaltssteigerung. Bei gering qualifizierten Beschäftigten mit wenig Erfahrung liegt dieser Anteil mit 5,9 Prozent nur bei etwa einem Drittel davon. KI wirkt aus Sicht der Betriebe also wie ein Verstärker bestehender Unterschiede: Wer ohnehin gut ausgebildet ist, dürfte eher gewinnen, wer es nicht ist, eher verlieren.
Auch bei den erwarteten Gehaltssteigerungen für höher Qualifizierte zeigen sich Branchenunterschiede. Hier liegt überraschend das Baugewerbe vorn: 24,0 Prozent der Baubetriebe rechnen bei wenig erfahrenen Akademikern mit steigenden Löhnen und sogar 29,8 Prozent bei erfahrenen. In den Dienstleistungen sind es 14,9 Prozent (wenig Erfahrung) und 27,3 Prozent (mehr Erfahrung), im Handel 15,9 und 24,9 Prozent, im Verarbeitenden Gewerbe 15,6 und 24,2 Prozent. In allen Branchen gilt: Mit zunehmender Erfahrung steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen für qualifizierte Kräfte höhere Gehälter erwarten.
ifo-Forscherin Anna Ruffert vom ifo Center for Macroeconomics and Surveys ordnet die Befunde ein. Aus Sicht vieler Unternehmen wirke sich künstliche Intelligenz nicht bei allen Beschäftigten gleich auf die Gehälter aus. Am ehesten rechneten die Firmen mit Gehaltsrückgängen bei weniger erfahrenen Beschäftigten. Bei formal qualifizierten Kräften, vor allem mit langjähriger Erfahrung, hielten die Betriebe dagegen eher einen positiven Gehaltseffekt für möglich. KI trifft also nach dieser Lesart nicht die gesamte Belegschaft gleichermaßen, sondern verschiebt die Lohnstruktur zugunsten von Erfahrung und formaler Qualifikation.
Methodisch beruht die Auswertung auf dem ifo Business Survey vom Juni 2026. Befragt wurden über 3.000 Unternehmen in Deutschland, die bereits KI einsetzen. Der Betrachtungszeitraum der Erwartungen umfasst die nächsten fünf Jahre. Die zugehörige Grafik trägt den Titel Expected Changes in Salaries Due to the Use of Artificial Intelligence Over the Next 5 Years, June 2026. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in den ifo Konjunkturperspektiven 07/2026, einer monatlichen, deutschsprachigen Online-Publikation mit Grafiken und Tabellen aus den ifo-Umfragen.
Für die Arbeitswelt sind die Erwartungen brisant, auch wenn es sich zunächst nur um Einschätzungen von Unternehmen handelt und nicht um tatsächlich gezahlte Löhne. Sollten sich diese Erwartungen bewahrheiten, könnte KI die Lohnspreizung vergrößern und den Druck erhöhen, in Qualifikation und Weiterbildung zu investieren. Für Personalverantwortliche bedeutet das, Vergütungsstrukturen, Eingruppierungen und Entwicklungswege kritisch zu prüfen – und zugleich darauf zu achten, dass Gehaltsentscheidungen nachvollziehbar und diskriminierungsfrei bleiben, wenn KI die Bewertung von Tätigkeiten verändert.
Redaktioneller Überblick in eigenen Worten, keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die amtliche Quelle (Ifo).