Die Warnsignale bei Stress in der Arbeit
10.10.2026 · Quelle: Orf
Zeitdruck, psychische Belastung und Erschöpfung prägen den Arbeitsalltag vieler Menschen in Österreich: Der Arbeitsklimaindex der AK Oberösterreich und eine Reihe aktueller Studien zeichnen das Bild einer Arbeitswelt unter Dauerstress – mit sichtbaren Folgen für Gesundheit, Zufriedenheit und Krankenstände. Die Warnsignale sind dabei oft früh erkennbar, werden aber häufig übergangen.
Ausgangspunkt ist der Arbeitsklimaindex der Arbeiterkammer Oberösterreich, der die Stimmung und Belastung der Beschäftigten regelmäßig erhebt. Er zeigt eine über die Jahre deutlich gestiegene und weiterhin hohe Arbeitsbelastung. Vor allem psychische Belastungen und Zeitdruck wirken sich negativ auf das Arbeitsklima aus. Diese Belastung verteilt sich nicht gleichmäßig: Besonders betroffen sind Beschäftigte im Gesundheitswesen, im Tourismus und im Bauwesen sowie junge Erwerbstätige, die oft am Beginn ihrer Laufbahn stehen und bereits hohe Anforderungen erleben.
Die Folgen der Dauerbelastung sind spürbar. Viele Betroffene berichten von Erschöpfung und gesundheitlichen Beschwerden, und der Wunsch nach einem Berufswechsel wächst. Wenn Beschäftigte ihre Arbeit dauerhaft als überfordernd erleben, steigt die Gefahr, dass sie entweder innerlich kündigen, tatsächlich das Unternehmen verlassen oder gesundheitlich ausfallen – alles Entwicklungen, die auch für Betriebe teuer werden.
Mehrere Studien stützen das Bild der überlasteten Arbeitswelt. Eine Mavie-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich rund zwei Drittel der Beschäftigten oft oder sehr oft gestresst fühlen. 83 Prozent gehen trotz mentaler Erschöpfung zur Arbeit – ein Hinweis darauf, dass Präsentismus nicht nur bei körperlichen Erkrankungen verbreitet ist, sondern gerade auch bei psychischer Belastung. 60 Prozent nennen den Job als ihren größten Stressfaktor. Damit wird die Erwerbsarbeit selbst zur wichtigsten Quelle von Dauerstress.
Wie stark die emotionale Dimension ist, macht eine Umfrage des Jobportals karriere.at deutlich. Unter 2.235 Befragten gaben 52 Prozent an, wegen der Arbeit schon einmal geweint zu haben, 64 Prozent berichteten von einem Wutausbruch. Solche Befragungen sind methodisch nicht repräsentativ und müssen vorsichtig interpretiert werden, doch sie illustrieren, wie häufig Menschen an ihre emotionalen Grenzen stoßen. Stress bleibt damit kein abstraktes Konzept, sondern äußert sich in konkreten, oft belastenden Erfahrungen.
Die wachsende Belastung schlägt sich auch im Zulauf zu Unterstützungsangeboten nieder. Bei fit2work, einer Beratungseinrichtung rund um Gesundheit und Erhalt der Arbeitsfähigkeit, stiegen die Erstberatungen von knapp 14.000 im Jahr 2020 auf knapp 27.000 im Jahr 2025. Innerhalb von fünf Jahren hat sich die Zahl damit nahezu verdoppelt. Das deutet einerseits auf einen gestiegenen Bedarf hin, andererseits möglicherweise auch auf eine größere Bereitschaft, Hilfe zu suchen – beides Ausdruck einer Arbeitswelt, in der psychische Gesundheit ein zentrales Thema geworden ist.
Am deutlichsten wird die Entwicklung im Krankenstandsgeschehen. Laut WIFO-Fehlzeitenreport machten psychische Erkrankungen zuletzt 11,8 Prozent der Krankenstandstage aus. 2010 lag dieser Anteil noch bei knapp 7 Prozent. Innerhalb von rund anderthalb Jahrzehnten hat sich das Gewicht psychischer Leiden als Ursache für Fehlzeiten also erheblich erhöht. Solche Krankenstände dauern im Schnitt oft länger als rein körperliche Erkrankungen und sind für Betroffene wie für Betriebe besonders folgenreich.
Für Unternehmen und Personalverantwortliche ergibt sich daraus eine klare Verantwortung. Psychische Belastung ist kein individuelles Problem Einzelner, sondern hängt eng mit den Arbeitsbedingungen zusammen – mit Personalausstattung, Arbeitsorganisation, Erreichbarkeitserwartungen und vor allem mit dem Zeitdruck. Genau hier setzen Prävention und betriebliches Gesundheitsmanagement an. Realistische Arbeitszeiten, verlässliche Pausen und Ruhezeiten, eine faire Verteilung der Arbeit und ein offenes Klima im Umgang mit Überlastung sind wirksame Ansatzpunkte. Wichtig ist, die Warnsignale – wie dauerhafte Überstunden, ausfallende Pausen oder häufige kurze Krankenstände – rechtzeitig wahrzunehmen, statt sie zu übergehen.
Redaktioneller Überblick in eigenen Worten, keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die amtliche Quelle (Orf).