DM-Chef fordert Karenztag wegen hoher Krankenstände: „Alles hat seinen Preis“ - t3n – digital pioneers
05.04.2025 · Quelle: t3n
Die wiederkehrende Klage über zu hohe Krankenstände und der Ruf nach einem Karenztag treffen einen Nerv. Auf der einen Seite stehen reale betriebliche Belastungen durch Fehlzeiten, auf der anderen Seite die berechtigte Sorge, kranke Menschen finanziell unter Druck zu setzen. Die Debatte ist mehr als ein Streit über einen einzelnen Tag; sie berührt Fragen von Vertrauen, Gesundheit, Kosten und Führungskultur. Dieser Beitrag ordnet die Argumente ein und zeigt, welche Alternativen es zur reinen Anreizlogik gibt.
Zunächst zum Hintergrund: Hohe Krankenstände werden in vielen Unternehmen als belastend empfunden. Sie erschweren die Planung, führen zu Mehrarbeit für die anwesende Belegschaft und verursachen Kosten. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass nach Wegen gesucht wird, Fehlzeiten zu senken. Der Vorschlag eines Karenztags, also eines ersten Krankheitstags ohne Lohnfortzahlung, ist eine zugespitzte Variante dieser Suche und sorgt deshalb regelmäßig für hitzige Reaktionen.
Die Befürworter argumentieren überwiegend ökonomisch. Ihrer Logik nach steuern Anreize Verhalten: Wenn der erste Krankheitstag etwas kostet, überlegen Beschäftigte genauer, ob sie sich wegen einer leichten Beeinträchtigung krankmelden. Dahinter steht die Annahme, dass ein Teil der kurzfristigen Fehlzeiten vermeidbar sei und durch finanzielle Selbstbeteiligung reduziert werden könne. Der Satz, dass alles seinen Preis habe, bringt diese Haltung pointiert auf den Punkt.
Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz, wenn man die Gegenargumente ernst nimmt. Das erste und gewichtigste lautet, dass ein pauschaler Karenztag nicht zwischen vorgeschobenen und echten Erkrankungen unterscheidet. Er trifft alle gleichermaßen, auch diejenigen, die mit einer ernsthaften Erkrankung zu Recht zu Hause bleiben. Eine Maßnahme, die gerade die Schutzbedürftigen belastet, wirkt auf viele Beschäftigte ungerecht und untergräbt das Vertrauen in eine faire Behandlung.
Das zweite Argument betrifft einen möglichen Bumerang-Effekt. Wenn ein unbezahlter erster Tag finanziellen Druck erzeugt, könnten Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit kommen. Dieses Phänomen, bei dem Menschen krank arbeiten, kann mehr schaden als nützen: Ansteckungen breiten sich aus, die Leistungsfähigkeit ist eingeschränkt, und verschleppte Erkrankungen führen unter Umständen zu längeren Ausfällen. Der angestrebte Spareffekt kann sich dadurch in sein Gegenteil verkehren.
Ein dritter Punkt ist die Wirkung auf das Vertrauensverhältnis. Ein Karenztag sendet leicht die Botschaft, man unterstelle der Belegschaft pauschal eine Neigung, sich vor der Arbeit zu drücken. Eine solche Generalvermutung kann Motivation und Loyalität untergraben. Gerade in Zeiten, in denen Fachkräfte umworben werden, ist ein als geringschätzend empfundenes Signal riskant für die Arbeitgeberattraktivität und kann mehr kosten, als es kurzfristig spart.
Hinzu kommt, dass die Wahrnehmung hoher Krankenstände nicht immer mit den tatsächlichen Zahlen übereinstimmen muss. Einzelne auffällige Phasen, etwa Infektwellen, können den Eindruck prägen, ohne dass ein dauerhaftes strukturelles Problem vorliegt. Eine fundierte Beurteilung setzt deshalb voraus, dass man die Datenlage kennt und nicht allein nach Gefühl oder nach besonders sichtbaren Einzelfällen urteilt.
Genau hier liegt ein praktischer Ansatzpunkt für Betriebe. Eine verlässliche und datenschutzgerechte Erfassung von Fehlzeiten macht sichtbar, in welchem Umfang, in welchen Bereichen und in welchen Mustern Ausfälle auftreten. Erst auf dieser Grundlage lässt sich erkennen, ob bestimmte Abteilungen, Schichtmodelle oder Belastungssituationen mit erhöhten Fehlzeiten einhergehen, und ob sich daraus ein konkreter Handlungsbedarf ableiten lässt.
Aus einer solchen Analyse ergeben sich oft wirksamere Hebel als ein Karenztag. Wenn etwa hohe Belastung, schlechte Arbeitsorganisation oder ungünstige Schichtpläne als Treiber sichtbar werden, können gezielte Verbesserungen in der Arbeitsgestaltung ansetzen. Ein betriebliches Gesundheitsmanagement, ergonomische Maßnahmen, eine vernünftige Personalbemessung und eine wertschätzende Führung adressieren Ursachen statt Symptome und wirken in der Regel nachhaltiger.
Auch der Umgang mit Wiedereingliederung und längeren Erkrankungen spielt eine Rolle. Wer Beschäftigte nach Krankheitsphasen aktiv und respektvoll unterstützt, fördert eine schnellere und nachhaltige Rückkehr. Diese Haltung steht in deutlichem Kontrast zu einer reinen Anreizlogik, die vor allem auf finanzielle Abschreckung setzt, und passt eher zu einer langfristig orientierten Personalpolitik, die auf Bindung statt auf Druck baut.
Wichtig ist zudem, die Debatte nicht zu moralisieren. Es gibt sowohl reale betriebliche Belastungen als auch berechtigte Schutzinteressen der Beschäftigten. Eine sachliche Auseinandersetzung erkennt beide Seiten an und sucht nach Lösungen, die weder die Gesundheit gefährden noch betriebliche Realitäten ignorieren. Polarisierende Zuspitzungen helfen dabei selten weiter und verstellen oft den Blick auf pragmatische Zwischenwege.
Für Arbeitgeber empfiehlt sich daher ein doppelter Blick: nach innen auf die eigene Datenlage und Arbeitsgestaltung, nach außen auf die Wirkung der gewählten Maßnahmen auf Vertrauen und Attraktivität. Wer Fehlzeiten sachlich erfasst, Ursachen analysiert und gezielt eingreift, erreicht in der Regel mehr als mit symbolträchtigen, aber pauschalen Eingriffen. Die rechtliche und politische Bewertung einzelner Instrumente sollte dabei fachkundig begleitet werden.
Nicht zuletzt ist die öffentliche Wirkung solcher Forderungen zu bedenken. Wenn prominente Stimmen einen Karenztag fordern, prägt das die Stimmung in der gesamten Belegschaft, auch über den einzelnen Betrieb hinaus. Beschäftigte nehmen wahr, ob ihre Gesundheit als Kostenfaktor oder als gemeinsames Anliegen behandelt wird. Ein Betrieb, der hier eine konstruktive, gesundheitsorientierte Haltung zeigt, hebt sich positiv ab und kann das im Wettbewerb um Fachkräfte als Vorteil nutzen, statt sich an einer polarisierenden Debatte zu beteiligen.
Praktisch bewährt sich ein abgestuftes Vorgehen. Zunächst sollte ein Betrieb seine Fehlzeiten verlässlich und datenschutzgerecht erfassen und in Ruhe auswerten, statt vorschnell zu reagieren. Anschließend lassen sich Muster und mögliche Treiber identifizieren, etwa Häufungen in bestimmten Bereichen oder zu bestimmten Zeiten. Darauf aufbauend können gezielte Maßnahmen geplant, umgesetzt und in ihrer Wirkung überprüft werden. Ein solches Vorgehen ist weniger spektakulär als die Forderung nach einem Karenztag, in der Sache aber meist tragfähiger, weil es an den konkreten Verhältnissen des einzelnen Betriebs ansetzt.
Zusammenfassend bleibt die Erkenntnis, dass der Karenztag eine einfache Antwort auf ein komplexes Problem ist. Er mag kurzfristig einzelne Krankmeldungen verhindern, birgt aber Risiken für Gesundheit, Vertrauen und am Ende auch für die Kostenbilanz. Nachhaltiger ist es, hohe Krankenstände als Symptom zu begreifen, ihre Ursachen mit verlässlichen Daten zu untersuchen und an den richtigen Stellen anzusetzen.
Redaktioneller Überblick zu „DM-Chef fordert Karenztag wegen hoher Krankenstände: „Alles hat seinen Preis“ - t3n – digital pioneers“ in eigenen Worten – keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die amtliche Quelle (t3n).