Ergebnisse der IAB-Arbeitszeitrechnung für das zweite Quartal 2026: Teilzeitquote erreicht neuen Höchstwert, Vollzeitstellen gehen zurück
01.09.2026 · Quelle: Iab
Die Teilzeitquote in Deutschland erreicht im zweiten Quartal 2026 einen neuen Höchstwert, während Vollzeitstellen vor allem in der Industrie wegbrechen. Die IAB-Arbeitszeitrechnung legt einen tiefgreifenden Strukturwandel offen: Die Konjunktur stabilisiert sich, doch insgesamt wird weniger gearbeitet.
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat seine Arbeitszeitrechnung für das zweite Quartal 2026 vorgelegt, und die zentrale Botschaft ist eindeutig: Die Teilzeitquote ist auf 40,3 Prozent gestiegen und markiert damit einen neuen Höchstwert. Erstmals in einem zweiten Quartal wird die Marke von 40 Prozent nicht nur erreicht, sondern deutlich überschritten. Gegenüber dem Vorjahresquartal bedeutet das ein Plus von 0,4 Prozentpunkten. Die Entwicklung ist kein Ausreißer, sondern setzt einen langjährigen Trend fort.
Hinter der Quote stehen gegenläufige Bewegungen. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten stieg um 0,5 Prozent, während die Zahl der Vollzeitbeschäftigten um 0,9 Prozent sank. Vollzeit verliert also, Teilzeit gewinnt – und zwar nicht, weil Menschen massenhaft ihre Stunden reduzierten, sondern weil sich die Beschäftigung zwischen den Branchen verschiebt. Das IAB spricht ausdrücklich von einem Strukturwandel.
Dieser Wandel lässt sich an den Branchen ablesen. Der Beschäftigungszuwachs konzentriert sich auf Bereiche mit traditionell hohem Teilzeitanteil, allen voran das Gesundheits- und Sozialwesen sowie Erziehung und Unterricht. Dort entstehen Stellen, die häufig in Teilzeit besetzt werden. Auf der anderen Seite stehen Branchen mit hohem Vollzeitanteil, die Personal abbauen – besonders das Verarbeitende Gewerbe, das seit längerem unter konjunkturellem und strukturellem Druck steht. In der Summe sank die Zahl der Erwerbstätigen im zweiten Quartal um 0,5 Prozent auf knapp 45,7 Millionen Personen.
Bei der individuellen Arbeitszeit zeigt sich ein stabiles Bild. Die durchschnittliche Arbeitszeit pro Erwerbstätigem lag bei 314,7 Stunden und blieb damit gegenüber dem Vorjahresquartal unverändert. Saison- und kalenderbereinigt ging sie gegenüber dem Vorquartal leicht um 0,6 Prozent zurück. Das zeigt, dass die Schwankungen hier eher saisonal als strukturell sind.
Die betriebsübliche Wochenarbeitszeit, also die vertraglich und tariflich übliche Arbeitszeit, stieg über alle Beschäftigten hinweg leicht auf 30,50 Stunden. Dieser Durchschnitt ist niedrig, weil er Vollzeit und Teilzeit zusammenfasst. Getrennt betrachtet lag die Wochenarbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten konstant bei 38,32 Stunden, während sie bei den Teilzeitbeschäftigten leicht auf 18,88 Stunden stieg. Dass ausgerechnet die Teilzeit zulegt, deutet darauf hin, dass Teilzeitkräfte im Schnitt etwas mehr Stunden übernehmen – ein möglicher Hinweis auf gestiegenen Personalbedarf in den wachsenden Branchen.
Anders verlief die Entwicklung bei den Selbstständigen und mithelfenden Familienangehörigen. Deren Arbeitszeit sank um 1,2 Prozent und folgte damit dem Trend der vergangenen Jahre. Die Gruppe der Selbstständigen schrumpft seit längerem, und auch ihre durchschnittliche Arbeitszeit geht zurück.
Eine oft übersehene Stellschraube sind die Arbeitszeitkonten. Im Durchschnitt bauten Beschäftigte im zweiten Quartal 0,4 Stunden von ihren Konten ab. Weil im Vorjahresquartal in anderem Umfang Guthaben bewegt wurde, verlängerte sich die tatsächlich geleistete Arbeitszeit dadurch rechnerisch um 0,7 Stunden gegenüber dem Vorjahresquartal. Diese Konten wirken damit als Puffer, der die effektiv geleistete Arbeitszeit spürbar beeinflusst, ohne dass sich die vertragliche Arbeitszeit ändern muss.
Auch die Kurzarbeit prägt das Quartal. Nach vorläufigen Hochrechnungen sank sie deutlich um 83.000 auf rund 149.000 Personen. Das ist ein Signal für eine Stabilisierung der Konjunktur, denn Kurzarbeit wird vor allem in konjunkturell schwierigen Phasen eingesetzt. Ihr Rückgang bedeutet, dass mehr Beschäftigte wieder in regulärem Umfang arbeiten.
Trotz dieser Stabilisierung sinkt das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen. Es ging um 0,5 Prozent auf 14,4 Milliarden Stunden zurück, saison- und kalenderbereinigt sogar um 0,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Das Arbeitsvolumen ist die Summe aller tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden in der Volkswirtschaft. Dass es trotz wieder leicht steigender Arbeitszeit pro Kopf sinkt, liegt an der zurückgehenden Zahl der Erwerbstätigen – weniger Menschen arbeiten, auch wenn die Einzelnen wieder etwas länger tätig sind.
IAB-Forscher Enzo Weber, der den Forschungsbereich Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen leitet, ordnet die Zahlen ein. Die Konjunktur habe sich zuletzt gefestigt, deshalb ziehe die Arbeitszeit der Beschäftigten wieder etwas an. Zugleich verliere die Industrie viele Vollzeitstellen, sodass insgesamt weniger gearbeitet werde. Zum Arbeitsvolumen merkt er an, nach der Erholung in der Zeit nach Corona gehe es mittlerweile wieder bergab. Diese Doppelbewegung – mehr Stunden je Kopf, aber weniger Köpfe und weniger Stunden insgesamt – ist der Kern des aktuellen Arbeitsmarktbildes.
Die Presseinformation des IAB datiert vom 1. September 2026. Die ausführlichen Tabellen zur Arbeitszeitentwicklung sowie eine Langzeitreihe ab dem Jahr 1991 stellt das Institut unter doku.iab.de bereit. Für Personalverantwortliche zeichnet die Rechnung ein differenziertes Bild: Der Arbeitsmarkt schrumpft an den Rändern, verlagert sich strukturell in Richtung Teilzeit und personenbezogene Dienstleistungen, und die effektiv geleistete Arbeitszeit hängt zunehmend von Arbeitszeitkonten und Modellen ab, nicht allein von der vertraglichen Wochenarbeitszeit.
Redaktioneller Überblick in eigenen Worten, keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die amtliche Quelle (Iab).