Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI
14.09.2026 · Quelle: Bitkom
Zum ersten Mal setzt die Mehrheit der deutschen Unternehmen künstliche Intelligenz aktiv ein. Die repräsentative Bitkom-Befragung zeigt aber auch: Zwischen schneller Verbreitung und tatsächlichem Nutzen klafft eine große Lücke, und Datenschutz, Recht und Kompetenz bremsen den Fortschritt.
Der Digitalverband Bitkom meldet eine Zäsur: 57 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten nutzen künstliche Intelligenz aktiv im Betrieb. Vor einem Jahr lag der Wert bei 36 Prozent, vor zwei Jahren bei 20 Prozent. Der Einsatz hat sich damit binnen zweier Jahre fast verdreifacht. Weitere 38 Prozent planen den Einsatz oder diskutieren ihn ernsthaft. Nur noch 4 Prozent der Betriebe sagen, KI sei für sie kein Thema – 2024 waren es mit 41 Prozent noch mehr als zehnmal so viele. KI ist damit von einem Nischen- zu einem Breitenphänomen geworden.
So dynamisch die Verbreitung, so ernüchternd ist die Tiefe des Einsatzes. 90 Prozent der Unternehmen verorten sich selbst noch am Anfang. Kein einziger Betrieb, der KI bereits nutzt, gibt an, ihr Potenzial vollständig auszuschöpfen. Nur 3 Prozent schätzen, es eher stark zu nutzen, 28 Prozent eher wenig und 59 Prozent überhaupt nicht. Besonders aufschlussreich: Dieser Rückstand ist über alle Betriebsgrößen hinweg nahezu gleich – vom Unternehmen mit 20 Beschäftigten bis zum Großkonzern. Größe und Budget allein führen also nicht automatisch zu einem reiferen KI-Einsatz.
Die Grundhaltung gegenüber der Technologie hat sich stark gewandelt. 91 Prozent halten KI inzwischen für die wichtigste Zukunftstechnologie, ein deutlicher Anstieg gegenüber 81 Prozent im Jahr 2025 und 73 Prozent im Jahr 2024. Nur noch 8 Prozent halten KI für einen massiv überschätzten Hype, 2024 war es gut ein Viertel. 80 Prozent bewerten KI für das eigene Unternehmen überwiegend als Chance, 18 Prozent eher als Risiko; kein Betrieb stuft sie als weit überwiegend riskant ein. 61 Prozent sind überzeugt, Unternehmen ohne KI-Nutzung hätten keine Zukunft.
Zugleich mischt sich in den Optimismus viel Sorge. 56 Prozent meinen, Deutschland habe bei KI den Anschluss verloren. 34 Prozent fürchten, KI könnte die Existenz ihres Unternehmens gefährden – deutlich mehr als die 23 Prozent im Vorjahr. 31 Prozent erwarten, dass KI ihr Geschäftsmodell verändert. Und 33 Prozent der Anwender geben an, KI vor allem aus Sorge einzusetzen, sonst den Anschluss zu verlieren. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst bringt es auf die Formel, KI sei keine Sache einzelner Vorreiter mehr, sondern ein Thema für die gesamte Wirtschaft.
Ein Blick auf die Einsatzbereiche zeigt, wo KI schon konkret arbeitet. Bei den Anwendern dominiert der Kundenkontakt mit 72 Prozent, etwa bei der Bearbeitung von Anfragen. Es folgen Marketing und Kommunikation mit 54 Prozent. Controlling und Rechnungswesen liegen bei 25 Prozent, internes Wissensmanagement und Produktionsabläufe bei je 22 Prozent, KI in eigenen Produkten und Dienstleistungen bei 20 Prozent, Forschung und Entwicklung bei 16 Prozent und der Vertrieb bei 14 Prozent. Nachholbedarf gibt es in der IT-Abteilung (9 Prozent), in Rechts- und Steuerabteilungen (8 Prozent) und im Management (7 Prozent).
Ein neues Kapitel sind autonome KI-Agenten. Sie handeln eigenständig, vergleichen etwa Preise oder holen Angebote ein, ohne dass ein Mensch jeden Schritt auslöst. 11 Prozent der Unternehmen setzen solche Agenten bereits ein, 29 Prozent planen den Einsatz und 31 Prozent diskutieren ihn; für 24 Prozent ist das Thema derzeit nicht relevant. Wintergerst rät den Unternehmen, sich auf diese Entwicklung vorzubereiten, weil Agenten die Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine spürbar verschieben dürften.
Beim Nutzen zeigt sich die Umfrage positiv, aber vorsichtig. 66 Prozent der Anwender berichten von einer verbesserten Wettbewerbsposition, 48 Prozent von deutlich beschleunigten internen Prozessen, 45 Prozent von einem messbaren Beitrag zum Unternehmenserfolg, 40 Prozent von besserer Produkt- oder Dienstleistungsqualität und 36 Prozent von neu entwickelten Angeboten. Eine harte Produktivitätskennzahl nennt die Erhebung jedoch nicht; sämtliche Angaben sind Selbsteinschätzungen. Wintergerst verweist allgemein darauf, dass die Produktivität in Deutschland seit Jahren stagniert.
Für den Ausbau geben die Unternehmen mehr Geld aus: 45 Prozent erhöhen 2026 ihr KI-Budget, die Hälfte hält es konstant, nur 3 Prozent kürzen. Die größten Kostenblöcke sind Infrastruktur wie Cloud und Rechenleistung (51 Prozent), die Aufbereitung von Daten (50 Prozent) und die Integration in bestehende Systeme (41 Prozent); Lizenzen und externe Beratung folgen mit je 21 Prozent, Schulungen mit 19 Prozent. Wintergerst warnt, wer nur eine Lizenz kaufe, habe KI eingekauft, aber noch nichts verändert – der eigentliche Aufwand liege in Daten, Integration und Kompetenzaufbau.
Die Hürden unterscheiden sich je nach Reifegrad. Unternehmen mit KI-Einsatz nennen am häufigsten Datenschutzanforderungen (66 Prozent), rechtliche Verunsicherung (56 Prozent), schwer kalkulierbare Kosten (54 Prozent), die Sorge, dass Unternehmensdaten in falsche Hände geraten (45 Prozent), und fehlende Akzeptanz der Beschäftigten (42 Prozent); schlechte Ergebnisqualität (26 Prozent) und mangelnde Nachvollziehbarkeit (25 Prozent) spielen eine kleinere Rolle. Betriebe ohne KI scheitern dagegen vor allem am fehlenden technischen Know-how (85 Prozent), gefolgt von rechtlicher Unsicherheit (66 Prozent) und unklaren Kosten (63 Prozent).
Kompetenz bleibt der Engpass: 66 Prozent schätzen die KI-Fähigkeiten ihrer Belegschaft als gering ein, nur 28 Prozent als hoch. Bei den Anwendern liegt der Anteil der hoch eingeschätzten Kompetenzen immerhin bei 40 Prozent, bei KI-freien Firmen nur bei 14 Prozent. Immerhin schulen inzwischen 70 Prozent aller Unternehmen ihre Beschäftigten im Umgang mit KI, nur noch 25 Prozent tun gar nichts – 2025 war es fast jeder Zweite. Unter den Anwendern schulen sogar 91 Prozent. Kompetenz, so Wintergerst, entstehe mit dem Einsatz, aber nicht von allein.
Auf die Beschäftigung dürfte KI spürbar wirken: In den kommenden zwei Jahren erwarten 45 Prozent der Unternehmen einen leichten und 12 Prozent einen deutlichen Rückgang der Beschäftigtenzahl, während 14 Prozent mit einem leichten Anstieg rechnen. Deutlich häufiger erwarten KI-freie Unternehmen Stellenverluste als die Anwender. Parallel sorgt die neue europäische Regulierung für Verunsicherung: 37 Prozent gehen davon aus, als Anwender vom AI Act betroffen zu sein, und 66 Prozent sehen in dem Regelwerk mehr Nachteile als Vorteile für deutsche Unternehmen. Der Verband fordert zügige Rechtsklarheit und praxistaugliche Standards.
Die Erhebung beruht auf einer telefonischen Befragung von 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten in Deutschland, durchgeführt von Bitkom Research im Auftrag des Verbands in den Kalenderwochen 28 bis 33 des Jahres 2026. Sie gilt für die Gesamtwirtschaft als repräsentativ. In der Summe zeichnet sie das Bild einer Wirtschaft, die KI breit, aber noch flach einsetzt – mit viel Zuversicht, viel Nachholbedarf und klaren Bremsen bei Datenschutz, Recht und Qualifikation.
Redaktioneller Überblick in eigenen Worten, keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die amtliche Quelle (Bitkom).