Generelle Lohnerhöhung: Gewerkschaftsbund fordert 2.5 Prozent mehr Lohn ab 2027
10.09.2026 · Quelle: Srf
Der Schweizerische Gewerkschaftsbund fordert für 2027 generelle Lohnerhöhungen von 2,5 Prozent und begründet dies mit einem jahrelangen Reallohnrückstand sowie einer Kaufkraftkrise durch steigende Prämien – während die Arbeitgeber die Forderung mit Verweis auf eine deutlich tiefere KOF-Prognose als überhöht zurückweisen.
Mit einer markanten Zahl eröffnet der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) die Lohnrunde: Für das Jahr 2027 verlangt der Dachverband generelle Lohnerhöhungen von 2,5 Prozent. Die Forderung ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern wird von SGB-Ökonom David Gallusser rechnerisch hergeleitet. Rund 0,6 Prozent entfallen demnach auf die erwartete Teuerung, 0,3 Prozent sollen die steigenden Krankenkassenprämien abfedern, und etwa 1 Prozent entspricht der angemessenen Beteiligung der Arbeitnehmenden am Produktivitätsfortschritt. Zusätzlich macht der SGB einen Nachholbedarf geltend, weil die Reallöhne über das vergangene Jahrzehnt der Produktivitätsentwicklung hinterhergehinkt seien.
Gallusser illustriert diesen Rückstand mit einer konkreten Grösse: Der mittlere Lohn müsste heute knapp 500 Franken pro Monat höher liegen, wenn er mit der Produktivität Schritt gehalten hätte. Diese Lücke ist das zentrale Argument der Gewerkschaften. Sie werten die Differenz als über Jahre nicht weitergegebenen Produktivitätsgewinn und leiten daraus einen legitimen Anspruch auf kräftigere Erhöhungen ab.
SGB-Präsident Pierre-Yves Maillard stellt die Kaufkraft in den Mittelpunkt seiner Argumentation. Er spricht von einer eigentlichen Kaufkraftkrise. Weil die Teuerung und vor allem die Krankenkassenprämien prozentual schneller zulegten als die Löhne, könnten immer mehr Familien kein Geld mehr auf die Seite legen. Für Maillard sind höhere Löhne deshalb kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, um die finanzielle Stabilität der Haushalte zu sichern. Die Prämienlast trifft dabei alle Einkommensklassen, belastet aber untere und mittlere Einkommen überdurchschnittlich stark, weil die Kopfprämien unabhängig vom Verdienst anfallen.
Ein Schwerpunkt der diesjährigen Forderung liegt auf den tiefen Löhnen. Vizepräsidentin Vania Alleva nennt alarmierende Zahlen: Jeder dritte Monatslohn in der Schweiz liegt unter 5000 Franken, bei den Frauen sind es sogar 40 Prozent. Der SGB verlangt deshalb, dass Personen mit abgeschlossener Berufslehre künftig mindestens 5000 Franken pro Monat verdienen. Diese Mindestlohn-Perspektive zielt vor allem auf jene Branchen, in denen die Reallöhne stagnierten oder gar zurückgingen. Als besonders betroffen bezeichnet der Bund das Gastgewerbe, das Gesundheitswesen, Teile der Industrie, das Baugewerbe und den Detailhandel. In mehreren dieser Sektoren liegen die Reallöhne nach Darstellung der Gewerkschaft noch etwa auf dem Niveau von 2016 oder sogar darunter.
Der SGB steht mit seinen Forderungen nicht allein. Der Dachverband Travailsuisse hatte bereits einen Monat zuvor eine generelle Lohnerhöhung von 2 Prozent ins Spiel gebracht. Der Gewerkschafter Matthias Hartwich von der Verkehrsgewerkschaft SEV hält einen Zuschlag von 2 bis 3 Prozent für angebracht. Damit bewegen sich die gewerkschaftlichen Forderungen in einem ähnlichen Korridor, auch wenn die Begründungen und die genauen Prozentwerte variieren. Gemeinsam ist ihnen die Stossrichtung: Nach Jahren schwacher Reallohnentwicklung soll 2027 ein spürbares Plus bringen.
Die Gegenseite reagiert ablehnend. Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) bezeichnet die Forderungen als überhöht und wirft den Gewerkschaften vor, sie beruhten auf falschen Behauptungen. Namentlich die These, die Unternehmen hätten Produktivitätsgewinne für sich behalten, weist der Verband entschieden zurück. Zur Untermauerung verweist er auf die Prognose der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich. Diese erwartet für 2027 lediglich ein Nominallohnwachstum von rund 1 Prozent, bei einer geschätzten Teuerung von 0,6 Prozent. Aus Sicht der Arbeitgeber lässt die wirtschaftliche Lage schlicht keine Erhöhungen in der geforderten Grössenordnung zu.
Auch das Prämienargument kontert der SAV. Zwar räumt der Verband ein, dass die Krankenkassenprämien prozentual stärker steigen als die Löhne. Für einen durchschnittlichen Haushalt sei der Lohnzuwachs in absoluten Franken jedoch grösser als der zusätzliche Prämienbetrag. Die Gewerkschaften und die Arbeitgeber rechnen hier also mit unterschiedlichen Bezugsgrössen – die einen in Prozenten, die anderen in Franken – und kommen entsprechend zu gegensätzlichen Schlüssen.
Für die Einordnung ist entscheidend, wie Löhne in der Schweiz überhaupt zustande kommen. Es gibt keine zentrale, staatlich verordnete Lohnrunde. Die Löhne werden dezentral ausgehandelt: in den Gesamtarbeitsverträgen der einzelnen Branchen und in den betrieblichen Verhandlungen der Unternehmen. Die 2,5 Prozent des SGB sind deshalb eine Eröffnungsposition und keine automatische Erhöhung. Die tatsächlichen Abschlüsse entstehen erst im Lauf der Verhandlungsrunde und werden je nach Sektor, Ertragslage und Verhandlungsmacht stark auseinanderliegen. In Branchen mit Fachkräftemangel und starken GAV dürften die Resultate höher ausfallen als in jenen, die unter Margendruck stehen.
Die Lohnrunde 2027 ist damit zugleich eine Grundsatzdebatte über die Verteilung von Produktivitätsgewinnen und über den Umgang mit der Prämienlast. Beide Seiten liefern Zahlen, die ihre jeweilige Position stützen. Für die Beschäftigten hängt viel davon ab, in welcher Branche und unter welchem Gesamtarbeitsvertrag sie arbeiten – denn dort, nicht am Verhandlungstisch der Dachverbände, entscheidet sich am Ende die konkrete Lohnerhöhung.
Redaktioneller Überblick in eigenen Worten, keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die amtliche Quelle (Srf).