Hoher Krankenstand ist laut Studie nicht auf "Blaumachen" zurückzuführen
09.01.2025 · Quelle: Tagesschau
Kaum ein Thema sorgt in Personalgesprächen für so viel reflexhafte Empörung wie ein hoher Krankenstand. Schnell fällt der Vorwurf des „Blaumachens“, und Fehlzeiten werden als Frage der Arbeitsmoral verhandelt. Auswertungen von Krankenkassen und Forschungseinrichtungen kommen jedoch zu einem klaren Ergebnis: Die ganz überwiegende Zahl der Krankheitstage beruht auf tatsächlichen, ärztlich bescheinigten Erkrankungen. Für Arbeitgeber, die ihren Krankenstand verstehen und steuern wollen, ist das eine wichtige Botschaft, denn sie verschiebt den Fokus von Verdacht und Kontrolle hin zur sachlichen Ursachenanalyse, die am Ende mehr bewirkt.
Zunächst lohnt ein Blick auf die Begriffe. „Blaumachen“ meint, dass sich Beschäftigte ohne echte gesundheitliche Beeinträchtigung krankmelden. Dass es solche Fälle gibt, bestreitet niemand ernsthaft. Entscheidend ist jedoch ihr Anteil am gesamten Fehlzeitenvolumen, und der ist nach allem, was die Datenlage hergibt, klein. Wer den Krankenstand als reines Motivationsproblem deutet, überschätzt diesen Anteil systematisch und richtet seine Aufmerksamkeit auf eine Randerscheinung, während die eigentlichen Treiber unbeachtet bleiben.
Die häufigsten Ursachen für Fehltage sind seit Jahren bemerkenswert stabil. Erkrankungen der Atemwege, Beschwerden des Muskel-Skelett-Systems sowie psychische Erkrankungen machen einen großen Teil der Ausfälle aus. Diese Krankheitsbilder sind real, oft langwierig und lassen sich nicht durch Druck oder Argwohn beseitigen. Sie verlangen vielmehr nach Prävention, Entlastung und in vielen Fällen nach Anpassungen am Arbeitsplatz. Ein Rückenleiden verschwindet nicht, weil der Arbeitgeber an der Aufrichtigkeit der Krankmeldung zweifelt.
Ein wichtiger Erklärungsfaktor für schwankende Werte sind saisonale Effekte. In Jahren mit starken Erkältungs- und Grippewellen steigt die Zahl der Krankmeldungen quer durch alle Belegschaften und Branchen. Solche Wellen sind kollektive Phänomene und nicht das Ergebnis individueller Entscheidungen. Wer Jahreszahlen ohne diesen Kontext vergleicht, läuft Gefahr, Zufall und Wetterlage als Verhaltensänderung misszudeuten. Ein einziger schwerer Infektwinter kann den Wert eines ganzen Jahres prägen.
Hinzu kommt ein häufig unterschätzter methodischer Aspekt. Mit der elektronischen Übermittlung von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen werden Krankmeldungen heute vollständiger erfasst als in der Vergangenheit. Vor allem kurze Erkrankungen, die früher oft gar nicht in den Statistiken auftauchten, werden nun zuverlässig dokumentiert. Ein Teil des beobachteten Anstiegs ist deshalb kein Mehr an Krankheit, sondern ein Mehr an Sichtbarkeit. Diese Unterscheidung ist entscheidend, wenn man aus Zeitreihen seriöse Schlüsse ziehen möchte.
Auch die Struktur der Belegschaft beeinflusst den Krankenstand erheblich. In Teams mit höherem Durchschnittsalter treten chronische Beschwerden häufiger auf, und einzelne lange Ausfälle wirken sich deutlich auf die Gesamtquote aus. Schon wenige langwierige Erkrankungen können den Durchschnitt eines kleinen Betriebs spürbar verschieben, ohne dass dies etwas über das Verhalten der Mehrheit aussagt. Eine alternde Erwerbsbevölkerung führt damit fast zwangsläufig zu einer veränderten Fehlzeitenstruktur.
Nicht zu vergessen ist der enge Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und Gesundheit. Hohe Arbeitsverdichtung, chronische Personalengpässe, belastende Schichtmodelle und ungelöste Konflikte können Beschäftigte krank machen. Wo das geschieht, ist ein hoher Krankenstand weniger Ursache als Symptom. Er weist auf Belastungen hin, die das Unternehmen beeinflussen kann, und nicht auf mangelnde Leistungsbereitschaft. Mitunter erzeugt gerade der Versuch, mit knapper Besetzung zu arbeiten, jene Ausfälle, die man eigentlich vermeiden möchte.
Für die betriebliche Praxis folgt daraus ein anderer Umgang mit Fehlzeiten. Statt pauschalem Misstrauen empfiehlt sich eine differenzierte Betrachtung. Welche Abteilungen sind besonders betroffen? Gibt es wiederkehrende saisonale Spitzen? Häufen sich bestimmte Ursachengruppen? Wie verteilen sich kurze und lange Ausfälle? Erst solche Fragen führen zu Maßnahmen, die wirken, etwa im betrieblichen Gesundheitsmanagement, bei der Ergonomie, in der Führungskultur oder bei der Personalbemessung. Pauschale Schlüsse hingegen führen meist in die Irre.
Ein konstruktives Instrument ist das Rückkehrgespräch nach längerer Krankheit, wenn es als Angebot und nicht als Verhör geführt wird. Es kann helfen, Belastungen zu erkennen und gemeinsam Lösungen zu finden, etwa eine schrittweise Wiedereingliederung oder eine veränderte Aufgabenverteilung. Wertschätzung und Verlässlichkeit zahlen dabei stärker auf niedrige Fehlzeiten ein als Kontrolle. Wer sich umsorgt fühlt, kehrt erfahrungsgemäß schneller und stabiler an den Arbeitsplatz zurück als jemand, der bei der Rückkehr mit Vorwürfen rechnet.
Auch die Führungskultur spielt eine größere Rolle, als es auf den ersten Blick scheint. Vorgesetzte, die Belastungen ernst nehmen, Überforderung frühzeitig ansprechen und für eine faire Verteilung der Aufgaben sorgen, beeinflussen die Gesundheit ihres Teams unmittelbar. Umgekehrt können dauerhafter Druck, fehlende Anerkennung und ein Klima der Angst zu mehr Ausfällen führen. Der Krankenstand ist deshalb immer auch ein Spiegel dessen, wie im Betrieb geführt und miteinander umgegangen wird.
Damit solche Schritte gelingen, braucht es eine belastbare Datengrundlage. Wer Krankmeldungen strukturiert erfasst und die elektronische Bescheinigung reibungslos in die Zeit- und Lohnwirtschaft überführt, erhält verlässliche Kennzahlen statt grober Schätzungen. Das schützt vor Fehlinterpretationen, macht Entwicklungen frühzeitig sichtbar und erleichtert es, gezielt und rechtzeitig zu handeln. Ohne saubere Daten bleibt jede Diskussion über den Krankenstand ein Streit über Eindrücke, der niemandem weiterhilft.
Die saubere Erfassung hat zudem einen wichtigen Nebeneffekt: Sie versachlicht die Debatte im Betrieb. Wenn klar ist, dass die Mehrheit der Ausfälle auf echte Erkrankungen und auf saisonale Wellen zurückgeht, verliert der pauschale Verdacht an Boden. Das wiederum stärkt das Vertrauensverhältnis, das selbst ein wichtiger Faktor für die Gesundheit am Arbeitsplatz ist. Misstrauen erzeugt Stress, und Stress wiederum kann krank machen, sodass eine Kultur des Verdachts am Ende sogar zu höheren Fehlzeiten beitragen kann.
Hilfreich ist außerdem der Blick auf die zeitliche Entwicklung im eigenen Haus. Statt sich an einzelnen Stichtagen oder an Schlagzeilen zu orientieren, sollten Betriebe ihre Werte über mehrere Jahre hinweg betrachten. So lässt sich erkennen, ob ein Anstieg ein einmaliger Ausschlag durch eine schwere Infektwelle ist oder ob sich ein dauerhafter Trend abzeichnet, der auf strukturelle Ursachen hindeutet. Erst diese Perspektive erlaubt eine seriöse Einordnung und bewahrt vor übereilten Reaktionen auf zufällige Schwankungen.
Unterm Strich ist ein hoher Krankenstand selten eine Frage der Moral und meist eine Frage der Umstände. Saisonale Wellen, eine bessere Erfassung, die Altersstruktur und die Arbeitsbedingungen erklären gemeinsam das Gros der Entwicklung. Wer das anerkennt, kann mit Augenmaß reagieren und seine Energie auf das richten, was Fehlzeiten tatsächlich senkt: gesunde Arbeitsbedingungen, gute Führung und ein vertrauensvolles Miteinander. Das ist mühsamer als ein schneller Verdacht, aber es ist der einzige Weg, der dauerhaft trägt.
Redaktioneller Überblick zu „Hoher Krankenstand ist laut Studie nicht auf "Blaumachen" zurückzuführen“ in eigenen Worten – keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die amtliche Quelle (Tagesschau).