Krankenstand 2026: Psychische Erkrankungen erstmals häufigste Ursache für Fehlzeiten
20.07.2026 · Quelle: Personalwirtschaft
Die Fehlzeitenstatistik erreicht einen Wendepunkt: Nach der DAK-Gesundheitsanalyse für das erste Halbjahr 2026 sind psychische Erkrankungen erstmals die häufigste Ursache für Fehltage und haben damit die Atemwegserkrankungen von der Spitze verdrängt. Zugleich sinkt der Krankenstand insgesamt erstmals seit Jahren leicht – ein scheinbarer Widerspruch, der sich bei genauem Hinsehen auflöst.
Die zentrale Nachricht der Analyse ist eine neue Rangfolge der Fehlzeitenursachen. Psychische Erkrankungen – von Depressionen über Angststörungen bis zu Belastungs- und Erschöpfungssyndromen – verursachten im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 184 Fehltage je 100 Versicherte. Das ist ein Anstieg um neun Prozent gegenüber dem Vorjahreshalbjahr. Mit diesem Wert stehen sie erstmals an der Spitze aller Diagnosegruppen. Die Atemwegserkrankungen, die diese Position über viele Jahre innehatten, kommen auf 175 Fehltage je 100 Versicherte und sind um 21 Prozent zurückgegangen. Knapp dahinter folgen auf dem dritten Platz die Muskel-Skelett-Erkrankungen mit 174 Fehltagen je 100 Versicherte, die damit praktisch gleichauf mit den Atemwegserkrankungen liegen.
Warum diese Verschiebung mehr ist als eine statistische Fußnote, erschließt sich aus den unterschiedlichen Verlaufsmustern. Atemwegsinfekte wie Erkältungen und grippale Infekte führen in der Regel zu kurzen Krankschreibungen von einigen Tagen. Psychische Erkrankungen dagegen gehen typischerweise mit langen Ausfallzeiten einher, die sich über Wochen oder Monate erstrecken können. Wenn also eine Diagnosegruppe mit kurzen Verläufen an Bedeutung verliert und eine Gruppe mit langen Verläufen an die Spitze rückt, verändert das die Qualität der Belastung für die Betriebe: Es gibt tendenziell weniger, aber längere und planungsintensivere Ausfälle.
Das erklärt auch den scheinbaren Widerspruch zum Gesamtkrankenstand. Dieser lag im ersten Halbjahr 2026 bei 5,3 Prozent und damit 0,1 Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert. Dem Bericht zufolge handelt es sich um den ersten Rückgang seit Mitte der 2000er-Jahre – nach einer langen Phase steigender Werte also ein bemerkenswertes Signal. Der Rückgang des Gesamtwerts speist sich im Wesentlichen aus dem starken Minus bei den Atemwegserkrankungen, während die Zunahme bei den psychischen Erkrankungen gegenläufig wirkt, den Gesamtwert aber nicht ins Plus dreht.
Die Datengrundlage ist breit und methodisch solide: Das IGES Institut hat für die Analyse die anonymisierten Daten von rund 2,2 Millionen erwerbstätigen Versicherten der DAK-Gesundheit ausgewertet. Umgerechnet auf einen durchschnittlichen Arbeitstag bedeutet ein Krankenstand von 5,3 Prozent, dass etwa 53 von 1.000 Beschäftigten krankgeschrieben waren. Ein weiterer aufschlussreicher Wert ist die durchschnittliche Dauer einer einzelnen Krankschreibung: Sie stieg leicht von 9,5 Tagen im Vorjahreshalbjahr auf 9,7 Tage. Auch das untermauert die These, dass die Fehlzeiten strukturell länger werden.
Ein differenziertes Bild ergibt der Blick auf die Altersgruppen. Bei den Beschäftigten unter 55 Jahren ging der Krankenstand zurück. Besonders ausgeprägt war der Rückgang bei den jüngeren Gruppen: Bei den 15- bis 19-Jährigen und den 20- bis 24-Jährigen sank er jeweils um 0,3 Prozentpunkte. Bei den über 60-Jährigen entwickelte sich der Wert dagegen in die Gegenrichtung und stieg um 0,3 Prozentpunkte. Als wesentlicher Grund gilt die längere Krankheitsdauer in dieser Altersgruppe. Insgesamt bestätigt sich damit das Bild einer demografisch alternden Belegschaft, in der zwar nicht unbedingt häufiger, aber länger und schwerer erkrankt wird.
Die DAK-Zahlen stehen nicht für sich allein, sondern fügen sich in einen breiteren Trend ein. Der Barmer-Gesundheitsreport 2026 kommt zu einem ähnlichen Befund: Dort verursachen psychische Erkrankungen rund ein Fünftel aller krankheitsbedingten Fehltage, bei einer durchschnittlichen Dauer von etwa 40 Tagen pro Fall. Interessant ist ein Unterschied in der Betrachtungsweise: Bei der Barmer wird die reine Zahl der Krankschreibungen weiterhin von den Atemwegserkrankungen angeführt. Das ist kein Widerspruch zur DAK-Auswertung, sondern beleuchtet dieselbe Entwicklung aus einem anderen Blickwinkel: Atemwegserkrankungen führen zu vielen, aber kurzen Krankschreibungen, psychische Erkrankungen zu selteneren, aber sehr langen. Je nachdem, ob man die Zahl der Fälle oder die Summe der Fehltage betrachtet, ergibt sich eine andere Spitzenposition.
Politisch wird der Befund von konkreten Plänen flankiert. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat eine Präventionsoffensive angekündigt. Ziel ist es, das Präventionsgesetz aus dem Jahr 2015 weiterzuentwickeln. Als ein Schwerpunkt gilt die stärkere Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen, die bei der betrieblichen Gesundheitsförderung häufig weniger personelle und finanzielle Ressourcen haben als große Konzerne und deshalb von niedrigschwelligen Angeboten besonders profitieren könnten. Konkrete Details – etwa zu Förderinstrumenten, Finanzierung und Zeitplan – sind allerdings noch offen. Auch DAK-Vorstandschef Andreas Storm hatte den Handlungsbedarf vor allem bei den Langzeiterkrankungen verortet und die Offensive sowie die geplante Teilkrankschreibung begrüßt.
Bei aller Aussagekraft ist eine Einordnung wichtig: Die Analyse bildet ausschließlich Versicherte der DAK-Gesundheit ab und ist damit keine amtliche Gesamterhebung für die deutsche Erwerbsbevölkerung. Die Versichertenstruktur jeder Kasse unterscheidet sich, sodass die absoluten Werte nicht eins zu eins übertragbar sind. Als Trendindikator, der von einem zweiten großen Datensatz – dem Barmer-Report – gestützt wird, ist die Botschaft jedoch belastbar: Die psychische Gesundheit der Beschäftigten rückt ins Zentrum des Fehlzeitengeschehens, und die betriebliche wie politische Prävention wird daran gemessen werden, ob sie auf diese langen, belastenden Verläufe eine Antwort findet.
Redaktioneller Überblick in eigenen Worten, keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die amtliche Quelle (Personalwirtschaft).