Laut Studie: Angestellte sind im Homeoffice produktiver – aus einem Grund
12.09.2026 · Quelle: t3n
Während viele Unternehmen ihre Belegschaft zurück ins Büro holen, liefert eine Studie der University of Iowa das Gegenargument: An Homeoffice-Tagen sind Beschäftigte messbar produktiver. Entscheidend ist dabei nicht der Arbeitsort selbst, sondern ein gleichmäßigeres Energieniveau über den Tag.
Die Diskussion über das Homeoffice ist festgefahren und verläuft entlang klarer Fronten. Auf der einen Seite stehen Unternehmen, die Homeoffice-Tage kürzen oder ganze Teams wieder vollständig ins Büro holen. Ihr Hauptargument ist der fehlende persönliche Austausch, der im Homeoffice verloren gehe. Auf der anderen Seite stehen die Beschäftigten, die die Heimarbeit vor allem deshalb schätzen, weil sie Beruf und Privatleben besser miteinander vereinbaren können. In diese emotional geführte Debatte bringt eine Untersuchung der University of Iowa nüchterne Daten ein.
Durchgeführt wurde die Studie von Forschenden des Tippie College of Business. Sie begleiteten 219 hybrid Beschäftigte – also Menschen, die sowohl im Büro als auch von zu Hause arbeiten – über den Zeitraum einer vollen Arbeitswoche. An fünf aufeinanderfolgenden Tagen protokollierten die Teilnehmenden stündlich ihr Energieniveau. Parallel dazu erfassten die Forschenden, welche Fortschritte die Beschäftigten bei der Erreichung ihrer Arbeitsziele machten. Zu weiteren methodischen Details, etwa zur Zusammensetzung der Stichprobe, macht der Bericht keine Angaben. Mitautorin der Studie ist Emily Campion, Professorin für Management und Unternehmertum, die sich gegenüber dem Wissenschaftsportal Phys.org äußerte.
Die Ergebnisse fallen eindeutig zugunsten der Heimarbeit aus. An Homeoffice-Tagen waren alle Teilnehmenden produktiver als an Bürotagen. Sie kamen bei ihren Zielen weiter voran und arbeiteten insgesamt schneller. Besonders bemerkenswert ist ein Dosis-Effekt: Je häufiger die Beschäftigten von zu Hause aus arbeiteten, desto stärker stieg ihre Produktivität. Das Homeoffice wirkte also nicht nur an einzelnen Tagen positiv, sondern entfaltete seinen Nutzen umso mehr, je regelmäßiger es in den Arbeitsalltag integriert war.
Der Schlüssel zum Verständnis dieser Ergebnisse liegt im Energieniveau der Beschäftigten. Zu Hause verlief es über den Tag hinweg gleichmäßiger, während es im Büro deutlich stärker schwankte. In Zahlen ausgedrückt: An Homeoffice-Tagen gab es rund 33 Prozent weniger Schwankungen im Energieniveau als an Bürotagen. Dieses stabilere Energieprofil war eng mit der Leistung verknüpft. Die Forschenden ermittelten, dass jeder Rückgang der Energieschwankungen um einen einzigen Prozentpunkt mit 26 Prozent mehr Fortschritt bei der Zielerreichung einherging. Die Konstanz der Energie ist damit ein überraschend starker Hebel für Produktivität.
Besonders wichtig ist die Interpretation dieses Befunds durch Emily Campion. Sie stellt klar, dass nicht der Ort an sich für die höhere Produktivität verantwortlich ist. Das Homeoffice selbst gebe keine Energie. Ausschlaggebend sei allein das gleichmäßigere Energieniveau, das sich zu Hause leichter aufrechterhalten lässt. Diese Unterscheidung ist entscheidend, denn sie verschiebt den Fokus vom Arbeitsort hin zu den Arbeitsbedingungen: Nicht die Wände des Homeoffice machen den Unterschied, sondern die Ruhe und Kontrolle über den eigenen Tagesablauf.
Warum das Energieniveau zu Hause stabiler bleibt, erklären die Forschenden mit den unterschiedlichen Ablenkungen. Zu Hause lassen sich E-Mails ignorieren oder Slack-Benachrichtigungen einfach ausschalten. Die Beschäftigten können ihren Tag leichter selbst gestalten und sind weniger unvorhergesehenen Störungen ausgesetzt. Im Büro dagegen kosten spontane Anfragen von Kolleginnen und Kollegen, Lärm aus anderen Büros und nicht zuletzt lange Pendelwege mehr Energie, als es die Ablenkungen zu Hause tun. Als Beispiel für eine typische häusliche Ablenkung nennt die Studie das Wäschewaschen – eine Tätigkeit, die sich offenbar leichter kontrollieren und einplanen lässt als eine unerwartete Unterbrechung im Großraumbüro.
Hinzu kommt ein Phänomen, das die Forschenden als Wechselkosten beschreiben. Campion verdeutlicht, wie viel Energie es kostet, von einer Aufgabe zu einer neuen zu wechseln und anschließend wieder zur ursprünglichen Tätigkeit zurückzukehren. Jede Unterbrechung erzwingt einen solchen Wechsel und zehrt an den Energiereserven. Da im Büro deutlich mehr unkontrollierbare Unterbrechungen auftreten, summieren sich dort die Wechselkosten stärker als im Homeoffice, wo die Beschäftigten ihre Aufgaben ungestörter abarbeiten können.
Aus den Ergebnissen leitet Campion eine klare Empfehlung für Arbeitgeber ab: Sie sollten hybride Modelle ernsthaft in Betracht ziehen, um die Produktivität ihrer Teams zu steigern. Statt einer pauschalen Rückkehr ins Büro spreche vieles dafür, den Beschäftigten regelmäßige Homeoffice-Tage zu ermöglichen und ihnen so ein gleichmäßigeres Energieniveau zu erlauben.
Der t3n-Beitrag stellt den Ergebnissen eine zweite, kontrastierende Untersuchung zur Seite. Forschende der Wharton School der University of Pennsylvania gingen der Frage nach, warum Führungskräfte ihre Mitarbeitenden überhaupt ins Büro zurückholen, obwohl die Produktivität dafür offenbar nicht spricht. Als eine mögliche Ursache identifizierten sie Narzissmus. Je höher Führungskräfte sich selbst einschätzen, desto stärker streben sie nach Macht und Status – und desto eher befürworten sie die Rückkehr ins Büro. Der Grund: Im Homeoffice erhalten sie demnach weniger sichtbare Anerkennung von ihren Teams, was ihrem Geltungsbedürfnis widerspricht. Diese Erkenntnisse stammen aus einem Gastbeitrag in der New York Times sowie einer Studie, die in ScienceDirect veröffentlicht wurde.
Zusammen genommen zeichnen die beiden Studien ein pointiertes Bild der aktuellen Homeoffice-Debatte. Die Daten aus Iowa legen nahe, dass regelmäßige Heimarbeit die Produktivität steigert, weil sie ein stabileres Energieniveau ermöglicht. Die Wharton-Studie wiederum deutet an, dass die Motive für die Rückholung ins Büro nicht immer in der Leistung begründet liegen, sondern auch in den Bedürfnissen der Führungsebene. Für Personalverantwortliche ist das ein Anstoß, Entscheidungen über Arbeitsort und Präsenz stärker an messbaren Ergebnissen auszurichten als an Gewohnheit oder Statusdenken. Der Artikel von Noëlle Bölling erschien am 12. September 2026 auf t3n.
Redaktioneller Überblick in eigenen Worten, keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die amtliche Quelle (t3n).