"Mein Rekord waren 119 Stunden": Assistenzärztin zur Arbeitszeit-Debatte
02.07.2025 · Quelle: T-online
Berichte über Schichten von weit mehr als hundert Stunden sorgen regelmäßig für Aufsehen und befeuern eine grundsätzliche Debatte: Lohnt sich Mehrarbeit überhaupt, und wenn ja, für wen? Hinter der scheinbar einfachen Frage steckt ein ganzes Geflecht aus Gesundheit, Produktivität, Fairness und der oft unterschätzten Frage, wie verlässlich Arbeitszeit eigentlich erfasst wird.
Extreme Arbeitszeiten werden in manchen Branchen fast als Tugend gefeiert. Sie gelten als Beleg für Einsatzbereitschaft, Belastbarkeit und Hingabe an den Beruf. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Wo dauerhaft sehr lange gearbeitet wird, fehlt es meist nicht an Motivation, sondern an Personal, an klaren Abläufen oder an einer realistischen Planung. Die Beschäftigten gleichen mit ihrer Zeit aus, was im System nicht funktioniert.
Für die einzelnen Mitarbeitenden ist Mehrarbeit ein zweischneidiges Geschäft. Zusätzliche Stunden bedeuten zunächst mehr Einkommen oder ein wachsendes Zeitguthaben. Doch dieser Gewinn hat einen Preis. Erholungsphasen werden kürzer, der Schlaf leidet, soziale Kontakte und Familie kommen zu kurz. Stress, der sich über Wochen und Monate aufbaut, lässt sich nicht durch einen einmaligen Zuschlag aufwiegen. Irgendwann kippt das Verhältnis, und die zusätzlichen Stunden bringen subjektiv kaum noch etwas.
Auch körperlich und mental hinterlässt anhaltende Überlastung Spuren. Die Leistungskurve eines Menschen ist nicht linear: Nach einer bestimmten Stundenzahl sinken Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit und Urteilsvermögen deutlich. In vielen Tätigkeiten steigt damit nicht nur das Fehlerrisiko, sondern in sensiblen Bereichen auch die Gefahr für andere. Die zwölfte oder fünfzehnte Stunde ist selten so produktiv wie die zweite.
Aus betrieblicher Sicht erscheint Mehrarbeit auf den ersten Blick attraktiv. Sie ist flexibel, schnell verfügbar und vermeidet die Kosten und das Risiko einer Neueinstellung. In Maßen ist das durchaus sinnvoll, etwa um eine Auftragsspitze, einen Krankheitsausfall oder einen Projektendspurt zu überbrücken. Problematisch wird es, wenn die Ausnahme zur Regel wird und der gesamte Betrieb stillschweigend auf dauerhafte Überstunden gebaut ist.
Denn der scheinbare Gewinn löst sich bei genauerer Betrachtung häufig auf. Müde Teams arbeiten langsamer und ungenauer, die Nacharbeit steigt, und die Qualität sinkt. Hinzu kommen indirekte Kosten: höhere Krankenstände, sinkende Motivation und eine wachsende Bereitschaft, den Arbeitgeber zu wechseln. Gerade qualifizierte Fachkräfte, die anderswo gefragt sind, verlassen Betriebe, in denen Überlastung zum Alltag gehört. Der Verlust von Erfahrung und Wissen lässt sich kaum beziffern.
Ein zentrales Problem in dieser Debatte ist die mangelnde Sichtbarkeit. Viele Betriebe können gar nicht genau sagen, wie viele Überstunden tatsächlich anfallen. Arbeitszeit wird nachträglich aus dem Gedächtnis notiert, Pausen werden pauschal verrechnet, Mehrarbeit informell abgegolten oder schlicht nicht festgehalten. Auf dieser unsicheren Basis entstehen falsche Eindrücke darüber, wie viel ein Team leistet und wie viel es tragen kann.
Eine konsequente Zeiterfassung verändert diese Ausgangslage grundlegend. Werden Beginn, Ende und Pausen verlässlich dokumentiert, lassen sich Überstunden nicht mehr verschleiern oder verharmlosen. Es wird sichtbar, welche Bereiche dauerhaft über ihrer Kapazität arbeiten, ob bestimmte Wochentage oder Saisonzeiten besonders belastet sind und ob einzelne Personen überproportional einspringen müssen. Aus diffusen Eindrücken werden belastbare Zahlen.
Damit wird Zeiterfassung zu einem Steuerungsinstrument. Wer die tatsächliche Auslastung kennt, kann fundiert entscheiden: Lohnt sich eine zusätzliche Stelle, ist ein anderes Schichtmodell sinnvoll, oder lassen sich Abläufe so verschlanken, dass weniger Mehrarbeit nötig ist? Solche Entscheidungen auf Datenbasis sind deutlich tragfähiger als das vage Gefühl, es sei gerade viel los.
Für kleine und mittlere Unternehmen ist dieser Blick besonders wichtig, weil sie selten über Puffer verfügen. Ein einzelner Ausfall kann hier schnell ein ganzes Team aus dem Tritt bringen. Wer rechtzeitig erkennt, dass ein Bereich strukturell überlastet ist, kann gegensteuern, bevor Krankheit, Fehler oder Kündigungen den Betrieb empfindlich treffen. Zeiterfassung wirkt so wie ein Frühwarnsystem.
Ebenso wichtig ist der Aspekt der Fairness. Werden Überstunden transparent erfasst und nachvollziehbar ausgeglichen, entsteht Vertrauen. Beschäftigte erleben, dass ihr Mehreinsatz gesehen und honoriert wird, statt im Ungefähren zu verschwinden. Das stärkt die Bindung an den Betrieb und beugt dem Eindruck vor, Mehrarbeit werde stillschweigend vorausgesetzt und nicht gewürdigt.
Letztlich lässt sich die Ausgangsfrage nicht mit einem schlichten Ja oder Nein beantworten. Mehrarbeit kann sich lohnen, solange sie maßvoll, freiwillig, befristet und transparent bleibt. Wird sie zum Dauerzustand, verlieren am Ende beide Seiten: die Beschäftigten ihre Gesundheit und Motivation, der Betrieb seine Stabilität und Qualität. Die Kunst besteht darin, das richtige Maß zu finden und es immer wieder zu überprüfen.
Die Grundlage dafür ist und bleibt eine verlässliche Datenbasis. Ohne saubere Zeiterfassung tappen Betriebe im Dunkeln und treffen Personalentscheidungen nach Gefühl. Mit ihr lässt sich Mehrarbeit dort einsetzen, wo sie wirklich hilft, und dort vermeiden, wo sie nur schadet. Genau das macht den Unterschied zwischen kurzfristigem Aktionismus und nachhaltiger Planung aus.
Redaktioneller Überblick zu „"Mein Rekord waren 119 Stunden": Assistenzärztin zur Arbeitszeit-Debatte“ in eigenen Worten – keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die amtliche Quelle (T-online).