Neue Studie: Schweizer Männer arbeiten Vollzeit trotz Teilzeitwunsch – warum?
29.09.2026 · Quelle: Srf
Eine Längsschnittstudie der Universität Zürich zeigt eine hartnäckige Kluft zwischen dem Teilzeitwunsch Schweizer Männer und dessen tatsächlicher Umsetzung: Fast jeder zehnte Vollzeitmann entwickelt pro Jahr den Wunsch nach Reduktion, doch nur ein Bruchteil handelt – bremsend wirken vor allem berufliche Rollenbilder.
Forschende der Universität Zürich haben untersucht, warum so viele Schweizer Männer Vollzeit arbeiten, obwohl sie sich eigentlich ein kleineres Pensum wünschen. Die Grundlage ihrer Arbeit ist eine Längsschnittanalyse, die Daten aus den Jahren 2004 bis 2020 auswertet. Der Längsschnitt erlaubt es, einzelne Erwerbsbiografien über die Zeit zu verfolgen und damit zwei Fragen zu trennen, die in Querschnittsbefragungen verschmelzen: Wann entsteht bei einem Mann der Wunsch nach Teilzeit, und setzt er ihn später auch um? Genau in dieser Unterscheidung liegt der Mehrwert der Untersuchung.
Das Kernergebnis ist eindrücklich. Jahr für Jahr entwickeln fast 10 Prozent der vollzeitarbeitenden Männer den Wunsch, ihr Arbeitspensum zu reduzieren. Doch nur rund jeder Zehnte von ihnen setzt diesen Wunsch tatsächlich um. Die grosse Mehrheit verharrt also in der Vollzeitbeschäftigung, obwohl der Wille zu einer Veränderung vorhanden ist. Der Wunsch allein ist somit ein schwacher Prädiktor für das reale Verhalten – zwischen Absicht und Handlung klafft eine beträchtliche Lücke.
Diese Lücke gewinnt an Bedeutung vor dem Hintergrund der ausgeprägten Schweizer Teilzeitkultur. Hierzulande arbeiten 40 Prozent aller Erwerbstätigen Teilzeit, der zweithöchste Wert innerhalb der OECD. Teilzeit ist also keine Nische, sondern ein Massenphänomen. Allerdings ist sie historisch stark weiblich geprägt. Bei den Männern hat sich der Teilzeitanteil seit dem Jahr 2000 immerhin von rund 10 Prozent auf über 20 Prozent verdoppelt. Der OECD-Durchschnitt stieg im gleichen Zeitraum lediglich von 8 auf knapp 13 Prozent. Die Schweizer Männer bewegen sich also überdurchschnittlich stark in Richtung Teilzeit, bleiben aber dennoch hinter ihren eigenen Präferenzen zurück.
Als wichtigste Erklärung für die Umsetzungslücke identifiziert die Studie berufliche Normen. Zwei Vorstellungen wirken besonders stark: das tradierte Leitbild des männlichen Familienernährers und die hohe Erwartung an berufliche Hingabe und ständige Verfügbarkeit. In einem Umfeld, in dem Vollzeit als Ausweis von Engagement und Karriereorientierung gilt, fällt der Schritt zur Reduktion schwer. Männer fürchten berufliche Nachteile, eine Stigmatisierung oder den Verlust von Aufstiegschancen. Diese Normen sind kulturell tief verankert und ändern sich nur langsam.
Die Studie zeigt aber auch, dass Normen veränderbar sind und sich betrieblich unterscheiden. In Berufen, die Beruf und Privatleben besser vereinbaren lassen, steigt die Teilzeitquote der Männer spürbar. Als anschauliches Beispiel nennt die Untersuchung den Arztberuf: Dort wechselt eine wachsende Zahl von Männern in Teilzeit. Die Forschenden interpretieren dies als Beleg für einen Wandel der beruflichen Normen – wenn Teilzeit in einem Berufsfeld erst einmal akzeptiert und sichtbar praktiziert wird, sinkt die Hemmschwelle für weitere.
Studienleiter Jan Müller verweist auf zwei Rahmenbedingungen, die den Schweizer Kontext prägen. Erstens die lange Vollzeit-Arbeitswoche von fast 42 Stunden. Weil Vollzeit hier besonders umfangreich ist, würde eine Reduktion entsprechend viel Zeit freisetzen – der potenzielle Gewinn an Freizeit ist gross. Zweitens das hohe Lohnniveau. Wer gut verdient, kann sich eine Pensenreduktion finanziell eher leisten als Beschäftigte in Ländern mit tieferen Löhnen, weil auch ein reduziertes Einkommen oft noch ausreicht. Beide Faktoren müssten die Umsetzung eigentlich begünstigen. Dass die Lücke trotzdem bestehen bleibt, unterstreicht, wie dominant die kulturellen und beruflichen Normen wirken.
Die gesellschaftlichen Implikationen sind beträchtlich. Teilzeitarbeit von Vätern gilt als wichtiger Hebel für eine gleichmässigere Verteilung der unbezahlten Care- und Familienarbeit zwischen den Geschlechtern. Solange Männer ihren Teilzeitwunsch nicht umsetzen, bleibt die traditionelle Rollenteilung weitgehend bestehen – mit Folgen für die Gleichstellung, die Karriereverläufe von Frauen und die Betreuungsarrangements in den Familien. Die Studie legt nahe, dass individuelle Wünsche allein die Realität nicht verändern, solange die strukturellen und kulturellen Rahmenbedingungen nicht nachziehen.
Für Arbeitgeber ergibt sich daraus eine doppelte Botschaft. Einerseits besteht bei einem erheblichen Teil der männlichen Belegschaft ein latenter Wunsch nach reduzierter Arbeitszeit, der bislang ungenutzt bleibt. Wer glaubwürdige Teilzeit- und Jobsharing-Modelle anbietet, die Normen im Betrieb aktiv hinterfragt und Teilzeit auch in Führungs- und Karrierepositionen ermöglicht, kann sich im Wettbewerb um Fachkräfte einen Vorteil verschaffen und die Bindung der Mitarbeitenden stärken. Andererseits verlangt flexible Teilzeit eine saubere organisatorische Grundlage: Pensen, Präsenzzeiten, Zeitkonten und die Verteilung von Aufgaben müssen transparent geregelt und nachvollziehbar erfasst sein, damit Teilzeit nicht zur schlecht abgegrenzten Dauerüberlastung wird.
Unter dem Strich entzaubert die Studie die Vorstellung, Teilzeit bei Männern sei allein eine Frage des individuellen Wunsches. Entscheidend sind die beruflichen Normen und die betriebliche Kultur. Der Wandel ist in Gang – der verdoppelte Teilzeitanteil und Beispiele wie der Arztberuf belegen es –, aber er verläuft langsam und ungleichmässig. Die grosse Mehrheit der Männer mit Teilzeitwunsch bleibt vorerst in der Vollzeitfalle.
Redaktioneller Überblick in eigenen Worten, keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die amtliche Quelle (Srf).