Nominallöhne sind 2026 laut erster Schätzung leicht gestiegen
03.09.2026 · Quelle: Cash
Die Schweizer Löhne wachsen 2026 nach einer ersten Schätzung des Bundesamts für Statistik nur noch minimal: Ein nominales Plus von rund 0,4 Prozent dürfte durch die erwartete Teuerung real nahezu vollständig aufgezehrt werden – ein deutlicher Bruch mit dem starken Vorjahr.
Das Bundesamt für Statistik (BFS) hat eine erste Einschätzung zur Entwicklung der Schweizer Löhne im laufenden Jahr veröffentlicht. Nach dieser vorläufigen Berechnung sind die durchschnittlichen Nominallöhne 2026 um lediglich rund 0,4 Prozent gestiegen. Der Wert ist bewusst als erste Schätzung zu lesen: Er stützt sich auf die Datenlage des ersten Halbjahres und kann in den folgenden Erhebungsschritten noch korrigiert werden. Endgültige Zahlen zur Jahreslohnentwicklung liegen traditionell erst zu einem späteren Zeitpunkt vor.
Der nominale Lohn beschreibt die Entwicklung der ausbezahlten Beträge, sagt aber für sich genommen wenig über die tatsächliche Kaufkraft aus. Dafür ist der Reallohn entscheidend, also der Nominallohn abzüglich der Preissteigerung. Hier liegt der eigentliche Knackpunkt des laufenden Jahres: Fachleute erwarten für 2026 eine Jahresteuerung in einer Spanne von etwa 0,4 bis 0,8 Prozent. Bewegt sich die Inflation in diesem Bereich, wird der nominale Zuwachs von 0,4 Prozent weitgehend neutralisiert. Je nach konkretem Inflationswert resultiert entweder eine reale Stagnation oder ein leichtes reales Minus. Die Beschäftigten hätten dann zwar nominal etwas mehr auf der Abrechnung, könnten sich davon aber nicht mehr leisten als zuvor.
Besonders deutlich wird die Abkühlung im Vergleich mit dem Vorjahr. 2025 waren die Nominallöhne noch um 1,8 Prozent gestiegen. Weil die Jahresteuerung damals mit nur 0,2 Prozent aussergewöhnlich tief ausfiel, verblieb ein reales Lohnplus von rund 1,6 Prozent. Das war ein ungewöhnlich kräftiger Reallohnanstieg, wie er in der jüngeren Vergangenheit nur selten erreicht wurde. Auch 2024 hatte es bereits eine spürbare Lohnsteigerung gegeben. Gegen diese Jahre wirkt die Schätzung für 2026 wie ein abrupter Dämpfer – nicht, weil die Löhne sinken, sondern weil der reale Gewinn nahezu verschwindet.
Hinter der schwachen Dynamik stehen mehrere Faktoren. Nach Jahren, in denen Teuerung und Energiepreise die Lohnforderungen getrieben hatten, hat sich der Preisauftrieb beruhigt. Gleichzeitig ist der konjunkturelle Rückenwind verhalten, was den Verteilungsspielraum der Unternehmen begrenzt. Lohnerhöhungen entstehen in der Schweiz zu einem grossen Teil in den Verhandlungen zwischen Sozialpartnern, in den Gesamtarbeitsverträgen und in betrieblichen Lohnrunden. Wenn die Ausgangslage so eng ist wie 2026, fallen die generellen Komponenten tendenziell knapp aus.
Für Arbeitgeber hat das handfeste Konsequenzen. Eine flächendeckende Erhöhung muss gegen eine Preisentwicklung abgewogen werden, die zum Zeitpunkt der Budgetierung noch nicht feststeht. Viele Betriebe verlagern deshalb Gewicht auf individuelle, leistungs- oder funktionsbezogene Anpassungen, die gezielter wirken als die Giesskanne. Das setzt allerdings voraus, dass Leistung, Einsatz und geleistete Zeit sauber erfasst und verglichen werden können. Ohne belastbare Datengrundlage lassen sich differenzierte Lohnentscheide weder begründen noch gegenüber den Beschäftigten nachvollziehbar kommunizieren.
Aufseiten der Arbeitnehmenden erzeugt die Konstellation Unzufriedenheit. Nominale Zuwächse, die real nichts bringen, werden als schleichender Kaufkraftverlust empfunden – zumal in einem Umfeld, in dem andere fixe Ausgaben wie Krankenkassenprämien oder Mieten weiter steigen. Die Gewerkschaften nutzen diese Stimmung in den Lohnverhandlungen und verweisen auf die über mehrere Jahre hinweg nur schwache Reallohnentwicklung in Teilen der Wirtschaft. Die BFS-Schätzung für 2026 liefert dieser Argumentation zusätzliche Nahrung.
Bei aller Aussagekraft ist der Durchschnittswert mit Vorsicht zu geniessen. Er verdeckt erhebliche Unterschiede zwischen Branchen, Regionen, Funktionsstufen und Geschlechtern. In manchen Sektoren mit Fachkräftemangel oder starken Gesamtarbeitsverträgen können die Abschlüsse deutlich über dem Mittel liegen, in anderen klar darunter. Ebenso bildet eine Halbjahresschätzung weder Sonderzahlungen noch die tatsächlich geleistete Mehrarbeit vollständig ab. Der Wert ist damit ein Orientierungspunkt für das gesamtwirtschaftliche Bild, aber kein Massstab für den einzelnen Arbeitsvertrag.
Unter dem Strich zeichnet die Schätzung ein nüchternes Bild: 2026 dürfte für die Schweizer Beschäftigten ein Jahr der realen Stagnation werden. Ob am Ende ein winziges Plus oder ein kleines Minus steht, entscheidet die effektive Teuerung der zweiten Jahreshälfte. Für Lohnpolitik und Personalplanung heisst das, mit knappen Margen zu rechnen und Lohnentscheide noch sorgfältiger als bisher auf Daten zu stützen.
Redaktioneller Überblick in eigenen Worten, keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die amtliche Quelle (Cash).