Öfter private Pausen – der Produktivität zuliebe?
13.10.2026 · Quelle: Computerwoche
Private Telefonate, ein Blick in soziale Medien, schnell etwas Privates erledigen – was offiziell als Tabu gilt, hält eine klare Mehrheit der Beschäftigten für einen Produktivitätsgewinn. Der Modern Workday Report 2026 zeigt, wie stark Beruf und Privatleben im Arbeitsalltag verschwimmen und warum kurze Unterbrechungen für viele kein Problem, sondern ein Energiespender sind.
Die Trennung von Beruf und Privatleben wird immer durchlässiger. Lange ging es dabei vor allem darum, dass die Arbeit in die Freizeit hineinreicht – etwa durch abendliche E-Mails. Der Modern Workday Report 2026 lenkt den Blick auf die andere Richtung: Privates dringt ebenso selbstverständlich in die Arbeitszeit ein. Private Erledigungen am Arbeitsplatz gelten zwar allgemein als Tabu, doch viele Beschäftigte stören sich nicht daran. Im Gegenteil, sie betrachten kurze private Pausen als Möglichkeit, ihren Fokus zu halten und die Energie über den Tag besser zu verteilen.
Grundlage der Auswertung, über die die Computerwoche berichtet, ist eine Befragung des Karriereportals LiveCareer. Für den Modern Workday Report 2026 wurden 1.000 Arbeitnehmer in vier europäischen Ländern befragt: in Deutschland, Spanien, Frankreich und Italien. Die Stichprobe deckt damit mehrere Arbeitskulturen ab, auch wenn der Artikel keine Aufschlüsselung nach einzelnen Ländern liefert.
Die Häufigkeit privater Tätigkeiten während der Arbeit ist hoch. 59 Prozent der Befragten erledigen mindestens mehrmals pro Woche private Aufgaben während der Arbeitszeit. 27 Prozent tun dies sogar täglich. Private Mikropausen sind damit für einen großen Teil der Beschäftigten kein Ausnahmefall, sondern ein fester, selbstverständlicher Bestandteil des Arbeitstages.
Betrachtet man, worum es dabei geht, zeigt sich ein Bild kleiner, kurzer Handlungen. 43 Prozent der Befragten telefonieren privat oder schreiben Nachrichten, 37 Prozent nutzen soziale Medien, und 35 Prozent erledigen private Besorgungen. Es handelt sich also überwiegend um Tätigkeiten, die nur wenige Minuten in Anspruch nehmen und sich leicht zwischen zwei Arbeitsaufgaben einschieben lassen, ohne den Arbeitsfluss grundlegend zu unterbrechen.
Besonders aufschlussreich ist die Einschätzung der Beschäftigten zur Wirkung dieser Pausen. 72 Prozent sagen, kurze private Pausen steigerten ihre Produktivität. 25 Prozent sehen keinen Einfluss auf ihre Leistung, und nur 3 Prozent berichten von einer Beeinträchtigung. Die überwältigende Mehrheit erlebt die kleinen Unterbrechungen also nicht als Ablenkung, die der Arbeit schadet, sondern als hilfreichen Ausgleich. Die kurze Abwechslung scheint vielen zu helfen, danach wieder konzentrierter an die eigentliche Aufgabe zu gehen.
Entscheidend für diese Bewertung ist, dass der zeitliche Umfang in der Regel gering bleibt. An einem typischen Arbeitstag verbringen 31 Prozent der Befragten weniger als 30 Minuten mit privaten Dingen, 29 Prozent zwischen einer halben und einer Stunde. Nur 7 Prozent kommen auf mehr als zwei Stunden – das wäre immerhin rund ein Viertel eines Acht-Stunden-Tages. Für die große Mehrheit handelt es sich also um überschaubare Unterbrechungen, die den Arbeitstag nicht wesentlich stören und die Gesamtleistung kaum beeinträchtigen dürften.
LiveCareer-Karriereexpertin Jasmine Escalera deutet die Ergebnisse als Ausdruck eines veränderten Arbeitsverständnisses. Berufliche und private Verpflichtungen fielen heute nicht mehr strikt in getrennte Tagesabschnitte. Viele Menschen erledigten private Dinge einfach dann, wenn sie anstünden, und empfänden das als Energieschub. Es gehe heute weniger um das Ideal von acht Stunden ununterbrochener Konzentration als vielmehr um eine Flexibilität, die sowohl den beruflichen als auch den privaten Anforderungen gerecht werde. Diese Lesart passt zu einer Arbeitswelt, in der viele Tätigkeiten ortsunabhängig und zeitlich flexibel organisiert sind.
Die Redaktion der Computerwoche ordnet die Befunde allerdings kritisch ein. Die Angaben zur Produktivität beruhen ausschließlich auf der subjektiven Einschätzung der Befragten und sind nicht durch objektive Daten belegt. Es ist also möglich, dass Beschäftigte den positiven Effekt überschätzen oder private Pausen nachträglich rechtfertigen. Zudem wurden ausschließlich Arbeitnehmer befragt; die Perspektive der Arbeitgeber, die solche Unterbrechungen womöglich anders bewerten, bleibt außen vor. Die Redaktion betont zugleich, dass die meisten Unterbrechungen kurz sind und den Arbeitstag nicht wesentlich stören.
Zur Methodik macht der Artikel nur knappe Angaben. Genannt werden die Stichprobengröße von 1.000 Befragten, die vier Länder und die Quelle, der LiveCareer-Report. Angaben zum genauen Befragungszeitraum, zur Verteilung der Befragten auf die einzelnen Länder, zur Erhebungsmethode oder zur statistischen Fehlertoleranz fehlen. Die Ergebnisse sind daher als Stimmungsbild zu verstehen, nicht als streng repräsentative Messung.
Für die Debatte um moderne Arbeitsorganisation ist der Report dennoch aufschlussreich. Er fügt sich in eine Reihe von Befunden ein, die zeigen, dass Anwesenheit und starre Zeitblöcke immer weniger über tatsächliche Produktivität aussagen. Statt private Mikropausen als Zeitdiebstahl zu brandmarken, legt die Mehrheit der Beschäftigten nahe, dass ein gewisses Maß an Flexibilität der Konzentration eher nützt als schadet. Der Beitrag von Manfred Bremmer erschien am 13. Oktober 2026 in der Computerwoche in der Rubrik Analyse.
Redaktioneller Überblick in eigenen Worten, keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die amtliche Quelle (Computerwoche).