Rekordwert bei kranken Arbeitnehmern im Dienst: Fast drei Viertel arbeiten trotz Krankheit
17.07.2026 · Quelle: Meinbezirk
Trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen, ist in Österreich zur Regel geworden: Laut einer Analyse der Arbeiterkammer Oberösterreich arbeiteten 2025 rund 72 Prozent der oberösterreichischen Beschäftigten krank weiter – ein Rekordwert. Hinter der Zahl steht ein Geflecht aus Pflichtgefühl, Personalmangel und Angst, das Gesundheit und Betriebe gleichermaßen betrifft.
Die Entwicklung ist dramatisch: Während 2015 noch rund 30 Prozent der Beschäftigten angaben, krank zu arbeiten, sind es 2025 rund 72 Prozent in Oberösterreich und etwa 65 Prozent im österreichweiten Schnitt. Das Phänomen Präsentismus – also die Anwesenheit am Arbeitsplatz trotz Erkrankung – hat sich damit innerhalb eines Jahrzehnts mehr als verdoppelt und einen neuen Höchststand erreicht.
Der Blick auf einzelne Gruppen zeigt, wo der Druck am größten ist. Frauen arbeiten mit 75 Prozent häufiger krank als Männer mit 70 Prozent. Besonders betroffen sind junge Beschäftigte: Bei Frauen zwischen 16 und 25 Jahren liegt der Anteil bei 93 Prozent. Gerade zu Beginn des Erwerbslebens, oft in unsicheren oder stark belasteten Positionen, fällt es offenbar besonders schwer, sich eine Krankmeldung zuzugestehen.
Die Gründe sind überwiegend betrieblich und sozial. 57 Prozent der Befragten nennen das Pflichtgefühl gegenüber Kolleginnen und Kollegen, 41 Prozent die Sorge um liegengebliebene Arbeit und 31 Prozent eine fehlende Vertretung. Dazu kommen Ängste rund um das Arbeitsklima, die Reaktion von Vorgesetzten und im Extremfall um den Arbeitsplatz. Präsentismus ist damit selten eine freie Entscheidung, sondern Ausdruck von Rahmenbedingungen: dünne Personaldecken, fehlende Vertretungssysteme und ein Klima, in dem Anwesenheit mit Leistung gleichgesetzt wird.
Dass die Arbeitsbelastung den Ausschlag gibt, belegt die Analyse eindrücklich. Von Personen, die unter starkem Arbeitsdruck stehen, arbeiten 94 Prozent krank weiter; bei geringer Belastung sind es 66 Prozent. Je höher der Druck, desto stärker also die Neigung, über die eigenen Grenzen zu gehen. Gerade dort, wo ohnehin Personalmangel herrscht, verschärft sich das Problem – weil niemand da ist, der die Arbeit übernehmen könnte.
Die gesundheitlichen Folgen sind erheblich. Viele Betroffene berichten von Müdigkeit, Konzentrationsproblemen und in der Folge von längeren Krankenständen. Bei stark belasteten Beschäftigten leiden rund 80 Prozent unter depressiven Beschwerden. Präsentismus erspart dem Betrieb also meist keine Ausfälle, sondern verschiebt und vergrößert sie: Wer krank arbeitet, verlängert oft die Genesung und riskiert chronische Beschwerden. Auch das Infektionsrisiko für das restliche Team spielt eine Rolle.
Die durchschnittliche Krankenstandsdauer ist dabei rückläufig. Österreichweit lag sie 2025 bei 14,7 Tagen je erwerbstätiger Person, in Oberösterreich bei den dort gesetzlich Versicherten bei 15,4 Tagen – mit deutlichen Unterschieden zwischen den Branchen. Niedrigere Durchschnittswerte dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein großer Teil der Erkrankten erst gar nicht in den Krankenstand geht. Der sinkende Durchschnitt und der steigende Präsentismus sind zwei Seiten derselben Medaille.
Aus den Ergebnissen leiten die Sozialpartner gegensätzliche Schlüsse ab. Die Arbeiterkammer Oberösterreich fordert kürzere Wartezeiten im Gesundheitssystem, ein klares Nein zu Verschlechterungen bei der Entgeltfortzahlung, eine Absage an die immer wieder diskutierten Karenztage, einen wirksameren Kündigungsschutz im Krankenstand sowie mehr Prävention in den Betrieben. Die Wirtschaftskammer Oberösterreich betont dagegen die Kostenseite und verweist darauf, dass 38 Prozent der Befragten einen missbräuchlichen Umgang mit Krankenständen im eigenen Umfeld beobachten. Sie fordert ein eigenes Kontrollorgan gegen Krankenstandsmissbrauch. Die Debatte verläuft damit entlang der klassischen Interessenlinien – während die Analyse selbst vor allem eines zeigt: Der eigentliche Kostentreiber ist weniger das Fernbleiben als das kranke Weiterarbeiten.
Redaktioneller Überblick in eigenen Worten, keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die amtliche Quelle (Meinbezirk).