DAK-Analyse: Psychische Erkrankungen erstmals häufigste Ursache für Krankschreibungen
20.07.2026 · Quelle: DAK-Gesundheit
Erst Corona, dann die Rekordjahre, jetzt die Wende im Diagnosespektrum: Die DAK-Gesundheit veröffentlicht am 20. Juli 2026 ihre Krankenstandsanalyse für das erste Halbjahr. Auf den ersten Blick eine Entwarnung – der Krankenstand sinkt leicht auf 5,3 Prozent. Auf den zweiten Blick eine Zäsur: Psychische Erkrankungen sind erstmals die häufigste Ursache für Krankschreibungen, die Ausfälle dauern länger, und die Alterung der Belegschaften hinterlässt deutliche Spuren.
Die Datenbasis: Für die Halbjahresanalyse wertete das IGES Institut im Auftrag der DAK-Gesundheit die Arbeitsunfähigkeitsdaten von 2,2 Millionen versicherten Beschäftigten aus – eine der größten regelmäßigen Stichproben zum Krankenstand in Deutschland.
Die Gesamtbilanz: Der Krankenstand lag im ersten Halbjahr 2026 bei 5,3 Prozent, nach 5,4 Prozent im Vorjahreszeitraum. An jedem Arbeitstag fehlten damit im Schnitt 53 von 1.000 Beschäftigten krankheitsbedingt. Der Rückgang ist klein, aber er bestätigt den Trend: Nach den Rekordjahren seit der Pandemie normalisiert sich das Infektionsgeschehen allmählich.
Der Rückgang bei den Infekten: Krankschreibungen wegen Atemwegserkrankungen brachen um 21 Prozent ein. Genau diese Kurzerkrankungen hatten die Statistik seit 2022 nach oben getrieben – auch begünstigt durch die elektronische Übermittlung der Krankmeldungen, die Fälle sichtbar machte, die früher nie bei den Kassen ankamen.
Die Zäsur bei der Psyche: Arbeitsunfähigkeiten wegen psychischer Erkrankungen stiegen um 9 Prozent und sind damit erstmals der häufigste Krankschreibungsgrund – noch vor den Atemwegsinfekten. Depressionen, Angststörungen und Belastungsreaktionen verursachen zudem überdurchschnittlich lange Ausfälle, was die durchschnittliche Falldauer von 9,5 auf 9,7 Tage hob. Muskel-Skelett-Erkrankungen bleiben drittgrößter Block.
Der Altersgruppen-Befund: Bei allen Beschäftigten unter 55 Jahren ging der Krankenstand zurück, am stärksten bei den 15- bis 24-Jährigen mit minus 0,3 Prozentpunkten. Die über 60-Jährigen verzeichneten dagegen ein Plus von 0,3 Prozentpunkten – bemerkenswert: nicht, weil sie sich häufiger krankmelden, sondern weil ihre Erkrankungen länger dauern. Mit der demografischen Alterung der Belegschaften wird dieser Effekt an Gewicht gewinnen.
Der politische Kontext: Die Analyse erscheint mitten in der Debatte um die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag und das Aus der Telefon-AU. Die Koalition begründet ihre Pläne mit „exorbitant gestiegenen Krankenständen“ – die DAK-Daten zeigen für 2026 jedoch einen rückläufigen Trend. Die Kasse selbst lenkt den Blick auf die Prävention: Wenn die Psyche zum größten Ausfallrisiko wird, helfen Attest-Verschärfungen wenig; gefragt sind gesunde Arbeitsbedingungen und frühe Hilfsangebote.
Die Konsequenz für Betriebe: Für Arbeitgeber verschiebt sich die Aufgabe von der Infekt-Welle zum Langzeitfall-Management. Psychisch bedingte Ausfälle kündigen sich oft über Muster an – häufige Kurzabwesenheiten, auffällige Mehrarbeit, ausgefallene Pausen. Wer Arbeits- und Fehlzeiten systematisch erfasst, erkennt solche Signale früh und kann gegensteuern, bevor aus Belastung eine monatelange Arbeitsunfähigkeit wird.
Das Fazit: Der sinkende Krankenstand ist eine gute Nachricht mit doppeltem Boden. Die Infekte gehen zurück, doch die teuren, langen Ausfälle nehmen zu – und sie treffen Betriebe, deren Belegschaften stetig älter werden. Fehlzeitenmanagement wird damit weniger eine Frage der Kontrolle als der Vorsorge.
Redaktioneller Überblick zu „DAK-Analyse: Psychische Erkrankungen erstmals häufigste Ursache für Krankschreibungen“ in eigenen Worten – keine Rechtsberatung. Maßgeblich ist die amtliche Quelle (DAK-Gesundheit).